Für Sie vor Ort: Die E.ON Reportage
Strom aus der Wüste
Was fällt einem zuerst ein, wenn man an die Sahara denkt? Hitze, Sand und lebensfeindliche Umweltbedingungen. Doch die größte Wüste der Welt hat mehr zu bieten als das: In ihr könnte die Lösung des globalen Energieproblems zu finden sein.
Auf der Hochebene von Guadix in Andalusien brennt die Sonne erbarmungslos. Und das ist auch gut so. Denn in Europas einziger Wüste, der Tabernas, hat im Oktober vergangenen Jahres das erste solarthermische Kraftwerk Europas den Testbetrieb aufgenommen.
Die Anlage mit dem Namen Andasol 1 wirkt in der Einsamkeit der andalusischen Wüste sehr futuristisch: Auf 510.000 Quadratmetern – das entspricht etwa 70 Fußballfeldern - wird von unzähligen Parabolspiegeln die Energie der Sonne gesammelt, gebündelt und in Strom umgewandelt. Allein mit diesem Kraftwerk kann der Energiebedarf von etwa 200.000 Menschen gedeckt werden.
Das größte Solarenergie-Projekt aller Zeiten
Das Solarthermie-Kraftwerk in Spanien ist aber erst der Anfang einer gigantischen Entwicklung. Glaubt man Gerhard Knies, Physiker und Vorsitzender der Desertec Foundation, so erhalten die Wüsten der Welt in sechs Stunden mehr Energie als die Menschheit in einem Jahr verbraucht.
Und dieses schier unerschöpfliche Potenzial ist bisher kaum genutzt worden. Bisher - denn im Juli dieses Jahres haben sich in München zwölf deutsche Unternehmen zu einer Industrie-Initiative zusammengeschlossen, die zum Ziel hat, die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Umsetzung des sogenannten Desertec-Konzepts zu erarbeiten und es umzusetzen. Ihre Aufgabe wird es in den nächsten Jahrzehnten sein, die Solarstromgewinnung in Afrikas Wüsten voranzutreiben.
Ganz konkret bedeutet dies, dass in der nordafrikanischen Sahara durch den Bau riesiger Solarstromanlagen die enorme Kraft der Sonnenhitze nutzbar gemacht wird. Bereits in elf Jahren, so der ehrgeizige Plan des Desertec-Konzepts, das von der TREC-Initiative (Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation) des Club of Rome entwickelt wurde, soll das erste solarthermische Kraftwerk in Nordafrika ans Netz gehen. Bis zum Jahr 2050 soll durch die Sonnenkraft aus der Sahara bis zu 20 Gigawatt Strom nach Europa fließen. Das würde 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs decken.
Einfache Technik und gigantischer Aufwand
Das Prinzip der Solarthermie ist relativ einfach: Große Spiegel in so genannten Parabolrinnen aufgereiht, bündeln die Sonnenstrahlen in der Wüste. Diese erhitzen in einem Absorberrohr ein Spezialöl auf ca. 400 Grad Celsius. Die entstehende Wärme wird wiederum in ein Dampfkraftwerk eingespeist, das den Strom erzeugt.
Mit dem Umweg über die Wärmeerzeugung erscheint die Solarthermie im Vergleich mit anderen Solartechnologien etwas umständlich: Die Photovoltaik-Anlagen kommen ganz ohne Dampfkraftwerke aus, weil sie die Sonnenenergie direkt in Strom umwandeln können.
Allerdings hat die Solarthermie den Vorteil, dass sie auch nachts funktioniert: Das Öl in den Parabolrinnen erhitzt ein flüssiges Salz, das Energie sehr gut speichern kann. Nach Sonnenuntergang wird der Wasserdampf für die Turbinen aus dem heißen Salz gewonnen. Damit ist die Stromerzeugung in der Wüste unabhängig von der Tageszeit – ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Strom aus der Wüste
Erfahren Sie mehr über das Desertec-Projekt, die technischen Vorausetzungen und das Know-how, das zu seiner Verwirklichung nötig ist.
Doch das ehrgeizige Projekt der Desertec-Stiftung hat auch seinen Preis: Von Investitionen in Höhe von 400 Milliarden Euro in den nächsten 40 Jahren ist unter Experten die Rede. Und auch logistisch ist das Unternehmen sehr anspruchsvoll: Die solarthermischen Kraftwerke, die die Kraft der Sahara-Sonne bündeln, müssen erst noch errichtet werden.
Auch die Verlegung eines neuen Netzes von Hochspannungstrassen ist nötig, um die Energie aus der Wüste mit möglichst geringen Verlusten an ihren Bestimmungsort zu bringen. Dabei muss eine Strecke von nicht weniger als 3000 bis 4000 Kilometer überwunden werden.
Eine Zukunftsvision für Wohlstand und eine positive Klimabilanz
Ein besonders wichtiges Argument für das Wüstenstrom-Projekt ist die positive Auswirkung der Sonnenenergie auf die Klimabilanz. Die afrikanische Energie könnte dazu beitragen, den Treibhausgas-Ausstoß Europas beträchtlich zu senken.
Und die Wüstenstaaten könnten im Gegenzug als Energielieferanten wirtschaftlich profitieren. Wohlstand und Entwicklung im partnerschaftlichen Austausch für sauberen Strom. Um diese ehrgeizige Zukunftsvision zu realisieren, gibt es allerdings noch viel zu tun. Der Anfang ist gemacht.
Die Experten
Hier erfahren Sie, was Experten und Verantwortliche über das Desertec-Projekt sagen.
